Naturschutz

Beitrag vom Bergsträßer Anzeiger

Inventur der Natur: 350 Arten entdeckt

BERGSTRAßE. Biodiversität ist kein abstrakter Begriff, sondern ein sinnliches Erlebnis. Spürbar beim Selbstversuch am Froschteich des Naturschutzzentrums. Frösche quaken, Libellen surren und Vögel singen. Am Fuß kitzelt eine Ameise, irgendeine Mücke kollidiert mit dem rechten Ohr und braucht einen wahrscheinlich panischen Sekundenbruchteil, um aus der Muschel wieder herauszufinden. In die Nase steigt der Geruch von feuchter Wiese und pflanzlicher Vielfalt als undefinierbare aromatische Collage. Farben, Düfte und Geräusche vereinen sich zu einem spontanen Eindruck des Ortes. Flankiert von menschlichen Artikulationslauten.

Gerhard Eppler deklamiert Latein. Der NZB-Beiratsvorsitzende und Naturexperte übersetzt Pflanzen in botanische Fachtermini. Palomena prasina klingt aber auch schöner als Grüne Stinkwanze. Und Acker-Kratzdistel deutlich weniger magisch als Cirsium arvense. Die Stinkende Armleuchteralge riecht indes weitaus manierlicher, als es der Name verspricht.

Am Samstag wurden erheblich mehr Pflanzen als Tiere gemeldet, aber die sind auch weniger stark verwurzelt und neigen dazu, angesichts Homo sapiens mal eben die Kurve zu kratzen. Nicht so die Kleinfamilie Kanadagänse und das Pärchen Teichfrösche, das für ein paar Sonnenminuten an Land gegangen war.

Der Geo-Tag der Artenvielfalt im Rahmen der Veranstaltungsreihe BA-Natürlich war ein einziger Applaus für den Reichtum der heimischen Flora und Fauna. Die Botschaft: Jede noch so winzige Art zählt. Vielfalt hält die Natur stabil. Rund um die Erlache wurde dies in einer kollektiven Feldforschungsaktion bestätigt. „Ich habe mal rund 250 Arten aufgelistet, die man heute entdecken könnte“, sagte Gerhard Eppler am Vormittag. Am Ende kamen über 350 verschiedene Arten zusammen. Von der Amsel bis zum Zilpzalp, vom Ackerkrummhals bis zur Zitronenmelisse.

Nach einem gemächlichen Start wurde es gegen Mittag voller. Viele Familien mit Kindern machten sich mit NZB-Mitarbeitern wie Petra Habeck auf den Weg in die nähere Umgebung, um zu sehen, was hier alles wächst und gedeiht. Eine ebenso spannende wie lehrreiche Spurensuche, die den Blick für das Besondere und zunächst Unsichtbare nachhaltig geschärft hat. Und nachhaltig ist ja immer gut.

Der Ackerkrummhals hat seinen Namen von seiner gekrümmten Kronröhre, wie Gerhard Eppler anschaulich erläuterte. Die Gastgeber verweisen auch auf heimische und eingeschleppte Arten und eine potenzielle Imbalance, die dadurch ausgelöst werden kann. Denn die Verschleppung von Tier- und Pflanzenarten gehört zu den größten von Menschen verursachten globalen Veränderungen und hat langfristige Konsequenzen: Die gebietsfremden Eindringlinge zerstören die Lebensräume der heimischen Flora und Fauna und verursachen damit langfristig einen Rückgang der biologischen Artenvielfalt. Allein in Europa sind mehr als 13 000 gebietsfremde Arten bekannt. Sogenannte invasive Arten können in ihrer neuen Umgebung große Schäden anrichten, heimische Organismen ausrotten oder über Jahrtausende gewachsene Nährstoff- und Wasserkreisläufe unterbrechen. Sie treten mit den heimischen in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen und können einzelne oder ganze Artengemeinschaften verdrängen.

Fragile Natur und die Holzhammer-Methoden der Menschheit vertragen sich nicht. Um effektive Regelungen für Prävention, Ausrottung und Kontrolle invasiver Arten entwerfen zu können, ist es wichtig zu wissen, welche Arten heute oder in Zukunft zu den schädlichsten gehören und welche im Zuge einer „Globalisierung der Natur“ keine größeren Auswirkungen haben. Regelmäßige Dokumentationen – auch im Kleinen – sorgen für Gewissheit im Ganzen. „Ich habe schon drei Frösche, eine Zauneidechse und einen Flussbarsch gesehen“, freute sich ein junger Teilnehmer. Auch vermeintlich unspektakuläre Alltags-Arten wie die gewöhnliche Wegschnecke und die gemeine Stubenfliege haben ihren festen Platz im System.

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